«Flieg, Gregor, flieg!»: Deschwanden holt zu seiner eigenen Überraschung Bronze
Hätten die Olympischen Spiele im vergangenen Winter stattgefunden, wäre Gregor Deschwanden mit vier Podestplätzen als Medaillenkandidat angereist. In dieser Saison jedoch fand der 34-jährige Luzerner den Tritt nicht. Besser als Zehnter war er in einem Einzelwettkampf nie klassiert.
Mit entsprechend tiefen Erwartungen reiste Deschwanden nach Predazzo. Doch bereits nach dem ersten Durchgang auf der Normalschanze lag die ganz grosse Überraschung in der Luft. Deschwanden stellte mit einer Weite von 106 m einen Schanzenrekord auf und lag bei Halbzeit nur 0,1 Punkte hinter dem Bronzeplatz. Bei seinem zweiten Sprung legte er sogar noch eine Schippe drauf und baute den Schanzenrekord auf 107 m aus. Am Ende reichte es hinter dem deutschen Olympiasieger Philipp Raimund und dem Polen Kacper Tomasiak punktgleich mit dem Japaner Ren Nikaido zu Platz 3.
«Ich habe es mir selber fast nicht zugetraut», sagte ein emotionaler Medaillengewinner danach beim SRF, «ich habe mein Zeug nicht mal mitgenommen für die Medaillenfeier, weil ich dachte, ich wäre doch zu weit weg.» So musste Deschwanden gar die Schweizer Team-Jacke von einem Kollegen ausleihen, um für die Zeremonie ausgerüstet zu sein. «Ich wusste, dass es reichen kann, wenn ich Topsprünge mache, aber am Ende kam es sehr überraschend», führte Deschwanden aus und bilanzierte: «Zweimal Bestweite mit zwei Toplandungen. Manchmal braucht es etwas Glück und ich bin unglaublich froh, dass mein Tag genau heute war.»
Deschwanden, der Ende Februar 35 Jahre alt wird, hat eine schwierige Saison hinter sich. Nachdem er im letzten Jahr noch Sechster im Gesamtweltcup war, steht er aktuell auf dem 24. Platz. «Die Saison ist so gelaufen, wie sie gelaufen ist. Jetzt nehme ich die Medaille. Es ist Hammer, dass es so geklappt hat», so der überglückliche Deschwanden.
Deschwanden ist nach Walter Steiner (Silber 1972 in Sapporo) und Doppel-Doppel-Olympiasieger Simon Ammann (2002 Salt Lake City und 2010 Vancouver) erst der dritte Schweizer Skispringer, der an Olympischen Spielen eine Medaille gewinnt.
Prevc enttäuscht, Trunz stark
Einer, der fest mit einer Medaille gerechnet hatte, ging hingegen leer aus. Domen Prevc, der Saisondominator aus Slowenien, konnte nach verkorkstem ersten Sprung nicht mehr in den Medaillenkampf eingreifen und klassierte sich lediglich im sechsten Rang.
Im Schatten des Bronzemedaillengewinners waren auch die anderen Schweizer in der Entscheidung mit dabei. Der erst 19-jährige Felix Trunz, der sich im teaminternen Duell den Startplatz gegen Ammann sicherte, machte im zweiten Durchgang sieben Ränge gut und klassierte sich bei seiner Olympia-Premiere im guten 18. Rang. Sandro Hauswirt konnte mit seinem zweiten Sprung nicht mehr ganz an den ansprechenden Versuch aus dem ersten Durchgang anknüpfen. Er büsste neun Ränge ein und flog in der Endabrechnung auf Platz 29 an diesem geschichtsträchtigen Schweizer Skisprung-Tag. (nih/sda)
